Novemberrose - Ute Elisabeth Mordhorst
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Novemberrose

Geschichten von Ute Elisabeth Mordhorst

Novemberrose

Novemberrose

Zum 10. Todestag meiner Mutter

Johanna, die dreißig Jahre nach dem Tod ihres Vaters mit einer halb verwelkten Rose am Bett ihrer halb verstorbenen Mutter stand, wandte sich zur Tür. Es war morgens um vier, noch stockdunkel, ein nasskalter Novembertag, und Johanna verließ auf Bitten des Arztes das Zimmer, in dem sie drei Tage und zwei Nächte gewacht hatte bei der sterbenden Mutter, die schweigend dagelegen hatte, auf dem Rücken, die Arme neben dem Körper, die Augen geschlossen. Ernst und schweigend und würdevoll hatte die Mutter im Bett gelegen, ohne zu klagen, ohne zu jammern, ohne sich zu rühren. Sie hatte der Tochter, die überstürzt angereist war, auf den letzten Drücker sozusagen, gesagt, was sie ihr noch hatte sagen müssen. Sie hatte ihr Abschiedsworte in die Hand gedrückt, in die offene Handfläche gemalt, als ob sie ihr Taler hinein zählte. Gerade noch rechtzeitig, auf den letzten „Drücker“. Danach war Schweigen. Das Schweigen der Mutter hatte für drei Tage und zwei Vollmondnächte gereicht. Johanna hatte vom Schweigen der Mutter gelauscht und von allem. Und überhaupt. Draußen war der Wind um das Klinikgebäude gejagt wie ein unruhiges Tier. Am Kopfende des Bettes hatte der Sauerstoffapparat geschmurgelt. So waren drei Tage und zwei Nächte vergangen. Ab und zu hatte die Mutter kurz aufgestöhnt. Ihr Gesicht aber war entspannt geblieben, die ganz Zeit. Um halb vier Uhr morgens war Johanna aufgewacht von einer Stille, die größer gewesen war als alles Schweigen der Mutter und alles Schweigen dieser Nacht. Der Wind hatte sich ausgetobt und von dem Sauerstoffgerät kamen keine Geräusche mehr. Johanna war vorsichtig an das Bett ihrer Mutter getreten und hatte die Tote angesehen. Sie hatte ihre Mutter noch niemals so…tot gesehen. Sie hatte ihre Mutter noch niemals nie atmen sehen. Wie reagiere ich angemessen, hatte sich Johanna gefragt. Sie hatte der Mutter ein Kreuz auf die Stirn gemalt mit dem Zeigefinger ihrer rechten Hand, in welche die Mutter vor drei Tagen ihre Abschiedsworte hinein gemalt hatte mit unsichtbarer Geheimschrift. In Liebe, deine Mutter. Johanna hatte einen Segen gesprochen und einen Psalmvers. Sie hatte sich angekleidet und nach der Schwester geläutet. Die hatte sich über die Tote gebeugt, ihr den Puls gefühlt und Johanna kondoliert. Die Schwester hatte die Fenster aufgerissen, ich rufe den Dienst habenden Arzt, hatte sie gesagt, dann war sie davongehuscht und kurze Zeit später wieder aufgetaucht mit dem Arzt und mit der halb verblühten Rose in der Hand. Wo hatte sie die Blume aufgetrieben, um diese Zeit, um diese Rosenzeit, an diesem Sterbemorgen im November? Die Schwester hatte Johanna die Rose gereicht. Johanna hatte die Rose der toten Mutter in die halb verwelkten Hände legen wollen, aber der Arzt hatte darum gebeten, ihn mit der Toten allein zu lassen. Johanna hatte das Zimmer verlassen und sich noch einmal nach der Mutter umgedreht. Drei Tage und zwei Nächte hatte die Mutter dagelegen mit den Armen neben dem Körper, aber als es an Sterben ging, hatte sie die Hände über der Brust gefaltet, als wollte sie sagen. So. Finis. Das war ich.
„Ihre Mutter zeigt noch nicht alle Todeszeichen. In einer halben Stunde komme ich wieder, um erneut den Tod festzustellen“, hatte der diensthabende Arzt müde, fast achselzuckend, gesagt. Johanna hatte nur stumm genickt. Mutter ist tot, aber sie zeigt noch nicht alle Todeszeichen, hatte sie gedacht. Mutter hat ihre Hände über ihrem Herzen gefaltet, sie hat sich dem Tod verschlossen, hatte Johanna gedacht, sie behält sich noch ein bisschen Leben vor, das nicht weichen will vor dem Novembermond. Die Rose, die Johanna ihrer Mutter in die Hände legen wollte, war des Sommers letzte Rose, im November gepflückt.
Johanna war auf dem Flur auf- und abgelaufen. Nach 30 Minuten war der Arzt wieder aufgetaucht und im Zimmer der Mutter verschwunden. Als er endlich aus der Tür trat, ging er Johanna entgegen und streckte ihr seine Hand entgegen. “Mein Beileid!“ „Danke“, sagte Johanna. Der Arzt nickte und watschelte davon. Johanna legte die Hand auf die Türklinke und setzte sich auf das Krankenbett, das die Schwestern ihr vor drei Tagen ins Zimmer geschoben hatten. Sie schaute auf die Tote. „Mama“, sagte sie. „Schlaf gut. Lass dich nicht stören von mir. Ich bleib noch ein bisschen bei dir. Ich bin ganz still und rühr mich nicht. Ach, rühr mich nicht, Mama.“, sagte Johanna und schluchzte kurz auf und wartete. Worauf? Dass sie weinen konnte? Dass die Mutter ihr etwas Tröstendes sagen würde. Die Mutter würde kein einziges Wort mehr sagen. Du kannst mich fragen, aber ich werde nicht antworten. Du kannst weinen, schreien, lachen. Ich werde keine Miene verziehen, schon gar nicht werde ich gute Miene zu all dem hier machen. Ich habe nichts mehr zu sagen, ich habe alles gesagt, sagte das Gesicht der Mutter, während ihre Gesichtszüge allmählich eine Totenmaske enthüllten.
Johanna betrachtete das Gesicht ihrer Mutter. Wie ernst sie aussah. Ernst ist das Leben, inhaltvoll und schön. Der Satz stammt von Paula Modersohn Becker, dachte Johanna. Weiß ich. Ernst ist auch der Tod, meldete sich das Gesicht der Mutter zu Wort. Du wolltest doch nichts mehr sagen, sagte Johanna. Ich wollte den Mund nicht mehr auftun, sagte das Antlitz der Mutter, aber mein Gesicht, das wird noch lange von sich reden, noch lange, nachdem ihr die Klappe über ihm geschlossen habt. Ernst ist auch der Tod, wiederholte das Gesicht der Mutter trotzig. Und inhaltsvoll und schön?, fragte Johanna tastend. Die Mutter schwieg. Jetzt hast du wieder dieses erstarrte Gesicht aufgesetzt, dachte Johanna. Für mich war es immer das Schlimmste gewesen, wenn du dieses Gesicht aufgesetzt hattest. Dieses erstarrte, abweisende Gesicht, das du wie einen Sargdeckel über dir geschlossen hieltest. Johanna konnte den Blick nicht vom Gesicht der Mutter wenden. Meine Mutter ist gestorben, dachte sie. Für immer. Johanna hatte sich nicht vorstellen können, dass ihre Mutter jemals sterben würde, dass sie ihr Gesicht für immer vor dem Leben, vor der Tochter, verschließen würde. Johanna schaute auf das wächserne Antlitz ihrer Mutter. Ach, Mama, dachte sie. Jetzt bist du wirklich gestorben. So ist es. Und der Rest ist Schweigen, sagte das tote Gesicht.
Die Pfarrerin vermochte weder Tröstliches noch Angemessenes zu sagen. Die bringt es nicht, dachte Johanna ärgerlich. Außerdem duzt sie Mutter, was fällt der Frau ein, mich duzt sie ja auch nicht. „Ja, dein Gesicht kommt mir bekannt vor“, sagte die Pfarrerin und streichelte die Wange der Toten. Die Frau hat keine Tiefe, keinen Stil, dachte Johanna. Sie bereute, sie überhaupt gerufen zu haben. Mama sieht todernst aus, dachte sie, der Situation angemessen sieht sie aus, und wenn ihr zum Heulen oder zum Lachen wäre, sie würde es sich nicht anmerken lassen. „Möchten Sie Ihrer Mutter noch etwas Liebes sagen, sich bei ihr für etwas bedanken?“. Die Pfarrerin drehte sich von der Toten weg und schaute freundlich auf Johanna. Ich weiß nicht, dachte Johanna. Mutter Danke sagen, das ist doch etwas sehr Intimes. Danke, dazu fällt mir nichts ein, mochte sie aber auch nicht sagen. Mutter war immer hilflos gewesen gegenüber Gefühlsäußerungen und jetzt, da sie hilfloser am hilflosesten war… Das will ich ihr nicht auch noch antun, dachte Johanna, meine Dankbarkeit über sie ausschütten.
„Na?“. Die Pfarrerin nickte aufmunternd. Das ist ja wie im Konfirmandenunterricht, dachte Johanna. Sie überlegte, was sie sagen sollte. Für mich war sie alles; und für sie war ich die Ängstliche, Komplizierte. „Ich habe immer die Haltung meiner Mutter bewundert“, sagte Johanna . „Sie hatte eine so schöne innere Haltung, die sich auch äußerlich zeigte.“ Selbst jetzt bewahrst du Haltung, dachte Johanna und sah auf die Tote, die ihre Arme über der Brust gekreuzt hatte. Mamas Brustkorb hebt und senkt sich nicht mehr, dachte Johanna. Sie atmet nicht mehr. Sie hat sich aus der Welt, aus dem Staub, gemacht. Das große Einmal du. Mutter zu Mutter Erde. Erde ohne Mutter. Auf ihrer Brust liegt ein Holzkreuz aus Jerusalem. Ich habe ihr nicht Danke gesagt.
„Wir beten“, sagte die Pfarrerin und faltete die Hände. „Vater unser….“

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