Lilly und Marlene - Ute Elisabeth Mordhorst
16186
post-template-default,single,single-post,postid-16186,single-format-standard,qode-social-login-1.0,qode-news-1.0,qode-quick-links-1.0,ajax_fade,page_not_loaded,,qode-theme-ver-12.0,qode-theme-bridge,wpb-js-composer js-comp-ver-5.4.7,vc_responsive
 
Im Vorübergehen

Lilly und Marlene

Lilly und Marlene

Lilly und Marlene

Lilly und Marlene

„Lilly! Lilly, nun komm doch. Lilly!“ Lilly hört nicht. Weil Lilly nie hatte hören wollen und weil sie seit kurzem, seit sie seit langem sowieso nie hatte hören wollen, nun auch offiziell auf beiden Ohren taub ist. Dazu die Halterin. Typ Marlene. Statt der Brauen zwei halbmondartige dünne Striche über großen Kulleraugen, verschwommener Blick, Kurzhaarschnitt, zierliche Figur. Typ Garçonne. Typ anno dazu marlene. Der Park menschenleer und bäumevoll und Lilly äußerst kurzbeinig und höchst eigensinnig tippelt hinter Marlene her, auf dem Kiesweg, verschnuppert sich hier und dort, am Rande des Rasens, sehr zum Ungemach der alten kleinen Dame, die vor langer Zeit aus der Stummfilmzeit gefallen ist. Lilly hätte sie hören können, wenn sie hätte hü wollen. Und nu am Rande des beherrschten Rasens bleibt Marlene stehen, dreht sich immer wieder um, runzelt die glattgezogene faltenlose Stirn. „Lilly! Lilly, nun komm doch. Lilly!“ Einmal tritt sie mit dem Fuß auf, was ungefähr so energisch rüberkommt, als stampfte Herr Sumsemann mit dem fehlenden Käferbein auf. Marlene seufzt, richtet ihren wolkenverhangenen Retroblick auf die kleine graue, alte Hündin und spitzt ihren altrosa geschminkten Mund zu einem erneuten Rufen im Walde und ihren Lippen entweicht ein Hauch von Herz, Schmerz, Rauchringe in altrosa, alt prosa Rauchzeichen ihrer jahrelangen stummen Verbundenheit mit dem Tierchen. Und Lilly ist Prinzessin Lilly Fe ist eine graue freche Maus ist netterweise vielleicht zwei km/h schneller gelaufen. Viel weiter kommt Marlene nicht mit ihrem Locken, mit ihrem kurzen, glatten Haar. So geht es oder so geht es auch nicht voran. Day by Day, Jour après jour. Lilly. Marlene.

Dann eines Tages, gibt es Lilly nicht mehr hinter Marlene hatte andere Pläne. Lilly ist in die Stummfilmzeit gefallen, unter den grünen Rasen. Mausetot. Marlene wiederum verstummt, geht nun am Stock, kein Rufen mehr im Walde nach Lilly. Lilly was here. Eine alte Freundin greift Marlene unter den Arm, wackelt mit ihr durch den menschenleeren, entlaubten Park ohne Lilly geht es nicht. Marlene bleibt stehen, dreht sich um, öffnet den Mund und schweigt und wird immer weniger und verschwindet mit der Zeit aus der Zeit von der Bildfläche. Ohne Rauchzeichen. Schnitt.
Um so erstaunlicher nach einem Jahr Marlene hatte andere Pläne, ist sie wieder da im menschenleeren, bäumevollen Park. Eine kleine schwarze Hündin äußerst kurzbeinig und innerst eigensinnig hüpft mitteljung und springlebendig ihrer Halterin voraus, die vor langer Zeit aus der Stummfilmzeit gefallen war. Schnuppert hier und dort, am Rande des Rasens, aber nur kurz. Ehe Marlene was sagen kann, folgt Lilly schon vor dem Wort. „Haben Sie wieder einen Hund?“ ist die erstaunte, erfreute Frage. Die alte Dame guckt aus großen Augen. „Nein. Wieso? Das ist Lilly.“ „Ach sooo?“ „Ja, das ist Lilly.“ „Ja, dann. Schönen Tag.“ Und Marlene lächelt und sieht auf einmal ganz jung aus. „Aber eine tolle Frisur haben Sie. Flott!“
Da ist Lilly reloaded schon wieder weg. Aber nicht für ewig.

© Copyright und alle Rechte auf Veröffentlichung bei Ute Elisabeth Mordhorst

Noch keine Kommentare vorhanden …

Die Kommentarfunktion ist für diesen Beitrag abgeschaltet. Ich freue mich aber auch über persönliche Rückmeldungen (siehe "Kontakt").