Ein Glück! - Ute Elisabeth Mordhorst
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Geschichten von Ute Elisabeth Mordhorst

Ein Glück!

Ein Glück!

Ein Glück!

Johann König bekam von seinem Großvater Balthasar zur Einschulung einen Füllfederhalter geschenkt. Er solle ihm Glück in der Schule bringen und überhaupt, hatte der Großvater gesagt, toi, toi, toi und dreimal auf den Kolbenfüllfederhalter gespuckt. Da hatte der kleine Johann König aber die großen Kinderaugen aufgerissen und geschluckt und Igitt! gedacht.
Nun war es so, dass der kleine Johann König tatsächlich einen Einser nach dem anderen schrieb. Zumindest, solange er den Füllfederhalter benutzte. Eines schönen Schultages, als der Junge den Füllfederhalter zu Hause vergessen hatte, verpatzte er prompt die Rechenarbeit. Seitdem achtete Johann König peinlich darauf, dass er den Füllfederhalter immer dabei hatte. Jeden Morgen, bevor er das Haus verlies, kontrollierte er seine Federmappe.
Johann König beendete die Schule als Klassenbester. Er unterschrieb einen Arbeitsvertrag, einen Ehevertrag und einen Kaufvertrag für sein Haus – natürlich mit besagtem Füllfederhalter; er trug den Namen seines ersten Kindes von Hand in die Taufurkunde ein – in Tinte, versteht sich. Das Glück war ihm hold; damit es das blieb, umgab er sich mit weiteren Glücksbringern, an deren magische Eigenschaften er fest glaubte. Johann König hängte ein Hufeisen über seine Haustür. Wenn er im Wald spazieren ging, suchte er den Boden nach Kleeblättern ab, er freute sich wie ein Schneekönig, wenn er einem echten Schornsteinfeger begegnete und er diesen womöglich noch am Ärmel zupfen durfte, er drückte Daumen, wenn er jemandem Glück wünschte oder er klopfte dreimal auf Holz. Kreuzte eine Katze von links seinen Weg oder hörte er nachts ein Käuzchen schreien, zuckte er zusammen und bekreuzigte sich.
Eines Tages, beim Abfassen seines Testamentes, fiel Johann König der Füllfederhalter aus der zittrigen Hand, ausgerechnet auf die Küchenfliesen, … ausgerechnet in dem Moment, als der kleine Enkel Yanni ahnungslos auf seinen kräftigen Beinchen angetappelt kam… krkssss! Johann König erschrak zu Tode. Yanni – sein Lieblingsenkel. Ihm hatte er den Glücksbringer-Füllfederhalter zur Einschulung vermachen wollen. Und dieser kleine Pechvogel trat das Glück mit den Füßen. Ein schwarzer Tag war das für Johann König. Er plagte sich mit düsteren Zukunftsprognosen seinen Enkel betreffend. Was sollte aus dem Jungen werden? Der alte Johann sollte es nicht erfahren. Nicht lange und er verschied.
Der kleine Yanni aber wusste von all dem Zinnober nichts. Er war von Natur ein fröhliches Menschlein, seine Eltern liebten ihn und ließen ihn das auch spüren, er wuchs heran zu einem glücklichen, angstfreien Erwachsenen, der im freundschaftlichen Austausch mit dem Glück und seinen Zustellern stand. Er verschenkte Marzipanschweinchen zu Silvester und Marienkäferchen zum Geburtstag, wie es die meistens von uns tun, einfach nur so, als symbolische Geste. Das Glück, das er dazu wünschte, kam aus seinem freien und offenen Herzen. Einen Federhalter benutzte er übrigens nie, die meisten Texte schrieb er am Computer.

Scherben bringen Glück, aber nur dem Archäologen
Agatha Christie

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