Drinneland und Draußeland - Ute Elisabeth Mordhorst
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Vom Engel, der seine Flügel suchte. Kurzgeschichten zum Lesen und Vorlesen. Herder 2012.

Drinneland und Draußeland

Drinneland und Drausseland

Drinneland und Draußeland

Drinneland und Drausseland

 
 
In Drinneland schien fast immer die Sonne. Wenn es regnete, dann gerade so viel, dass der Boden saftig blieb und die Veilchen dufteten und die Blätter der Bäume glänzten und die Flöhe das Gras wachsen hörten. Es regnete genug für ein paar halbtiefe Pfützen, in denen Spatzen und Frösche und Kinderfüße plantschten.
 
Warm war es in Drinneland. Wintermäntel oder dicke Pullis oder lange Unterhosen kannten die Drinneländer nicht. In ihren Häusern gab es weder Ofen noch Zentralheizung. Die Drinneländer waren viel an der frischen Luft. Vor den zahllosen Eisdielen standen immer lange Schlangen von Menschen, und das meiste Geld wurde in Drinneland mit dem Verkauf von Speiseeis verdient. Die Drinneländer fanden, sie hatten es schön. Und weil es so schön bei ihnen war, verließen sie ihr Land nicht. Und weil das Land klein war und hinter dem großen Brocken, einem Bergmassiv lag, besuchte sie auch niemand von außerhalb. Nur die Sonne schaute jeden Tag vorbei. Aber dann …
 
Eines Tages zogen am Drinneländer Himmel dicke, dunkle Wolken auf. Solche Wolken hatten die Drinneländer ihr Lebtag nicht gesehen. Dann schüttete es drei Tage wie aus Kübeln und die Drinneländer wurden pitschnass beim Schlangestehen vor den Eisdielen. Der erste Tag war „im Eimer“ und der zweite auch und der dritte … es brachte keinen Spaß, draußen an der Luft zu sein. Die Menschen holten sich einen Schnupfen und verlangten von ihrem König eine Er- klärung.
Der Drinneländer König hatte keine Erklärung. Er rief seine Minister zusammen, aber die waren allesamt erkältet. „So ein Ärger!“, schimpfte der König. Er kramte in seinem Schreibtisch nach dem Eisenschlüssel und ging zum Safe und holte das Handbuch für Könige aus dem obersten Fach. „So ein Ärger!“, schimpfte der König wieder und schaute unter „Ärger“ nach. Der König las und nickte. Er ging zum Fenster und schaute hinaus. Tatsächlich. Das waren keine Drinneländer Wolken, das waren Draußeländer Wolken. „So ein Ärger“, sagte der König. Denn im Handbuch stand, dass der Ärger immer von den anderen komme und dass der König den anderen so etwas auf keinen Fall durchgehen lassen dürfe und notfalls …
 
Der König schrieb einen Brief an den Draußeländer König und forderte ihn auf, seine ärgerlichen Wolken unverzüglich wieder abzuziehen. Draußeland hatte eine Königin. Als die Königin von Draußeland den Brief las, stutzte sie, dann lachte sie ihr Donnerlachen, das so donnernd war, dass die Palastmauern nur so wackelten, obwohl sie aus massivem Stein gehauen waren. „Der Mann hat Humor!“, lachte die Königin. Sie zerknüllte den Brief zu einem Papierball und warf ihn hoch in die Luft und kickte ihn mit der Stirn in den Papierkorb. Abends entschloss sie sich, dem König eine Postkarte zu schreiben. „Sie überschät-zen meine Macht, werter Kollege“, schrieb sie. „Aber danke für den Brief.“
 
Es war das erste Mal, dass der Drinneländer König eine Postkarte erhielt. Er freute sich über das Urlaubsmotiv und die Briefmarke mit dem lachenden Gesicht. Er nahm eine Nadel aus seinem Nähkästchen und heftete die Postkarte an die Pinnwand. Dann wartete er, ob die Königin von Draußeland ihre Wolken abziehen würde.
Aber die dicken Wolken hingen weiter über Drinneland und der König schaute wieder in seinem Handbuch nach, weil die Minister immer noch erkältet waren. Er griff zu Tinte und Feder und schrieb der Königin, dass er ihr noch genau eine Woche Zeit gebe, um ihre Wolken abzuziehen, ansonsten müsse er leider mit Grieg drohen. Krieg mochte er nicht schreiben, das schien ihm zu hart.
Als die Königin den zweiten Brief las, saß sie auf der Terrasse und aß gerade einen Apfel. Zunächst runzelte sie die Stirn. Dann schüttelte sie den Kopf und lachte. „Na, der macht mir Spaß!“, rief sie und wickelte den Apfelstrunk in den Briefbogen und warf ihn in die Biotonne. Dann stand sie auf, um den Rasen zu mähen.
Endlich – die dunklen Wolken verzogen sich und der König von Drinneland war stolz und zufrieden. Er erteilte seinen Ministern Erkältungsurlaub, da er ja inzwischen gut ohne sie zurecht kam. Alles schien wieder in Butter, in bester Ordnung, zu sein im Drinneland. Die Sonne schien tagein, tagaus. Tagaus, tagein, Woche für Woche. Monat für Monat, aber nun, o Schreck, waren auch die Drinneländer Wolken weg. Es regnete überhaupt nicht mehr. Der Boden drohte auszutrocknen, die Veilchen begannen zu muffeln, das Gras verdorrte und die Spatzen und Frösche und Kinderfüße wurden rau und unansehnlich. Da schrieb der König der Königin einen dritten Brief und bat sie, ihm ausnahmsweise ein paar von ihren Wolken auszuleihen, damit der Boden wieder saftig würde und die Veilchen wieder dufteten und wieder Plantschefüßchen durch die Pfützen sprängen.
 
„Der Mann hat ein Problem mit Wolken!“, sagte die Königin und packte drei Bücher in ihren Rucksack und zog mit einer Gießkanne und einer Regentonne voll Regenwasser ins Drinneland. Es war eine Ecke zu laufen vom Bahnhof bis zum Königspalast und die Königin kam dabei ganz schön ins Schwitzen. Sie blieb an fast jeder Eisdiele stehen und probierte eine Sorte nach der anderen. „Donner auch!“, sagte sie. „Lecker!“ Wann hatte sie zuletzt so ein gutes Speiseeis gegessen?
Als sie beim König klingelte, verteilte sich noch etwas Schokoladeneis um ihren Mund. Schokosplitter war ihre Lieblingssorte. Das hatte sie inzwischen herausgefunden. Der König schaute verblüfft in das lachende Gesicht, das ihm bekannt vorkam. „Hallo, ich bin die Königin von nebenan!“, sagte die Königin.„Vielen Dank für die Einladung und hier mein Gastgeschenk.“ Sie legte dem König drei dicke Bücher in den Arm, die so schwer waren, dass er ein wenig in die Knie ging. „Ich geh derweil mal zu den Kindern in die Stadt“, sagte die Königin und zog ab mit ihrer Gießkanne und der Regentonne.
 
Abends lag der König in seinem Bett und wollte wie immer in einem Krimi schmökern, aber dann nahm er lieber die Buchgeschenke der Königin zur Hand. Er blätterte in dem ersten Buch. „Wetterkunde“. Er blätterte in dem zweiten Buch. „Himmelsmächte“, und er blätterte in dem dritten Buch: „Neueste und überarbei-tete Ausgabe des Handbuches für Königinnen und Kö- nige“. „Spannend“, sagte der König und hatte eine schlaflose Nacht. Währenddessen machte es sich die Königin im Schlosspark auf einer Hängematte bequem, die sie zwischen einer Buche und einer Birke ausgespannt hatte. Die königlichen Gästezimmer waren allesamt von Staubmäusen bewohnt, da fand sie es hier im Garten netter. Sie griff zu der Dose mit Veilchenpastillen, die ihr der König als Gegengeschenk überreicht hatte und lutschte eine Pastille. „Das Schokoeis ist eindeutig besser“, murmelte sie. „Das Rezept werde ich dem König wohl abluchsen müssen.“
 
Dann dachte sie über die Geschehnisse der letzten Wochen nach. „Ich bin ja nur froh“, dachte sie vor dem Einschlafen, „dass ich soviel Humor habe!“ Und sie lachte ihr Donnerlachen, dass man meinen könnte, ein Gewitter zöge auf. … Tatsächlich begann es leise zu regnen.
 
 
Aus: Ute Elisabeth Mordhorst: Vom Engel, der seine Flügel suchte. Kurzgeschichten zum Lesen und Vorlesen. © Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2012.

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