Die Nikolaus - Ute Elisabeth Mordhorst
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Geschichten von Ute Elisabeth Mordhorst

Die Nikolaus

Die Nikolaus

Die Nikolaus

„Lausige Kälte.“, murmelte die Nikolaus und schlug den Kragen ihres Mantelkragen höher. Sie trippelte ein paar Schritte die schmale Einkaufsstraße hinunter und blieb vor einem Schaufenster stehen. Andächtig betrachtete sie die Zimtsterne und Lebkuchen in dem weihnachtlich dekorierten Fenster der kleinen Konditorei. „Vom Allerfeinsten“, murmelte die Nikolaus und wühlte in ihren Manteltaschen und zog einen Geldschein und ein paar Münzen daraus hervor. Für eine heiße Schokolade und ein Stück Honigbrot würde es reichen; drinnen konnte sie sich zumindest aufwärmen und von dem ersten Schrecken erholen. Aber später, wenn die Konditorei geschlossen hatte, was dann? Wo sollte sie die Nacht verbringen? Wieder einmal war die Nikolaus ohne Obdach. Mitten im kalten Winter. Die Nikolaus hatte sich in eine Ecke der Konditorei verkrümelt, dort saß sie nun und nahm einen Schluck von der Trinkschokolade und wärmte sich die verfrorenen Hände an dem Henkelbecher mit dem nostalgischen Weihnachtsmotiv und schaute hinaus. Draußen stand eine kleine pummelige Frau und beschaute die Auslagen. Die Frau trug einen zitronengelben Mantel und führte einen großen zotteligen Hund an der Leine. Als sie den Laden betrat, wurde sie von der Verkäuferin hinter dem Tresen freundlich begrüßt. Sympathische Person. Wahrscheinlich eine Stammkundin, dachte die Nikolaus. Sie sieht ein bisschen aus wie ein Zitronentörtchen, dachte die Nikolaus. Die Frau nickte der Nikolaus freundlich zu und die Nikolaus fühlte sich wie von innen erwärmt, ein Lächeln wie eine heiße Schokolade, dachte sie und schaute wehmütig durch das Fenster hinaus auf die Straße. Nun ist es schon dunkel und die Straßenlaternen leuchten, dachte die Nikolaus und die Menschen strömen nach Haus und ich…wohin mit mir? Die Nikolaus hätte gern jemandem ihr Herz ausgeschüttet – einer guten, geduldigen Seele – und sie vermutete, dass die mollige Dame eine solche gute, geduldige Seele war. Die Nikolaus hoffte, sie würde sich zu ihr setzen. Dann spürte sie einen kühlen Luftzug durch den Raum wehen und sah die Dame mit ihrem Wollhund auf die Straße hinaustreten. Die Nikolaus seufzte und hing wieder ihren traurigen Gedanken nach. Nirgendwo darf ich auf Dauer bleiben. Das ganze Jahr habe ich Ruhe, dachte sie und knabberte an ihrem Honigbrot, aber kaum dass es Dezember wird: Stress… purpur. Hausfriedensbruch!, wettern die Vermieter. Hausfriedensbruch!, schimpfen die anderen Mietparteien und jagen mich von Haus und Hof. Die Nikolaus verstand die Welt nicht mehr. Hatte sie sie je verstanden? Egal, das war jetzt nicht ihr Thema. Thema war, dass die Nikolaus, sie wusste nicht warum, jedes Jahr Anfang Dezember Wagenladungen von Post erhielt. Unerklärlich. Wo sie doch so zurückgezogen lebte, sie kannte kaum einen Menschen, vergrub sich geradezu, war weder porminent oder wie das hieß, geschweige denn reich und berühmt. Wieso erhielt sie dann diese Bettelbriefe und Bittgesuche aus den entlegensten Winkeln der Welt, aus Orten, deren Namen sie noch nie gehört, geschweige denn gelesen hatte. Tausende, abertausende Briefe, die alle ausdrücklich an ihre Adresse gerichtet waren, verstopften binnen 24 Stunden das Treppenhaus und stapelten sich bis unter das Dach und versperrten den anderen Mietern den Zugang zu ihren Wohnungen. Die Nikolaus legte ein paar Münzen auf den Tresen und schlich hinaus. Wohin mit mir, seufzte sie. Für ein Hotel reichte das Bargeld nicht und die Bahnhofsmission war sicher überfüllt. In fast jeder Stadt war die Bahnhofsmission um diese Zeit überfüllt. Die Nikolaus wusste, wovon sie dachte, denn sie war viel herumgekommen – alle Jahre wieder zur Weihnachtszeit. Wohin mit mir, wohin mit mir, murmelte die Nikolaus, während sie durch den Schnee stapfte und ihr ein eisiger Wind entgegenschlug. Sie schlug den Weg ein, der aus der Stadt führte. Die Leute sagen, auf dem Land ist noch Wohnraum vorhanden, dachte die Nikolaus, auf dem Land lässt es sich leichter leben und die Mieten sind bezahlbar. Landläufige Meinung, dachte die Nikolaus. Mit der Zeit ermüdete sie ihre nächtliche Wanderung und sie war froh, als sie nicht weit entfernt ein Gebäude erblickte. Ob hier ein Zimmer frei ist?, dachte die Nikolaus und klopfte an ein breites Scheunentor. Niemand antwortete. Die Nikolaus war gerade im Begriff, weiterzuziehen, als ihr etwas Haariges direkt vor die Füße sprang. Sie starrte in zwei funkelnde Schlitzaugen. „Noch nie ne Katze gesehen?“, fragte eine hochmütige Stimme. „Du suchst Quartier?“ Die Nikolaus nickte schüchtern. „Olivia schläft schon, geh einfach rein und hau dich hin, wo Platz ist und frag sie morgen nach den Konditionen. Siehst aus, als könntest Du ne Mütze Schlaf gebrauchen.“
Schon war das haarige Büschel davon gesprungen. Die Nikolaus schob die Tür vorsichtig auf. Oh, wie heimelig und muckelig warm, dachte sie und huschte hinein. Rechts, in der ersten Box, lag eine hellbraune Stute und schnarchte laut. Das musste Olivia sein. Die zweite Box ist leer, da pack ich mich hin, beschloss die Nikolaus. Kaum dass sie die Augen geschlossen hatte, fiel sie in einen seligen Schlummer.

Als die Nikolaus am nächsten Morgen erwachte, war die Stute bereits am Frühstücken. Die Nikolaus erhob sich rasch von ihrem Strohlager, wischte sich die Halme aus dem Haar und ging höflich auf Olivia zu. „Guten Morgen, gut geschlafen?“, fragte die Stute und guckte die Nikolaus freundlich aus ihren weissbewimperten, braunen Augen an. „Colette hat mir erzählt, du suchst Quartier?“ Die Nikolaus nickte höflich. „ Du hast Glück, Ferienbox Zwei ist frei geworden, eine Interessentin hat gestern abgesagt“, sagte die Stute. Ihre Stimme hatte einen warmen, hellbraunen Klang. Die Nikolaus wühlte nervös in ihren Hosentaschen. „Über den Preis werden wir uns schon einig werden.“, sagte die Stute und riss etwas Heu und Stroh und Rüben aus ihrem Futtertrog. „Vollkornmüsli“, sagte sie. Wenn du magst..“ Die Nikolaus nickte dankbar und schaute sich um. Bei Tageslicht betrachtet gefiel ihr der Stall noch viel besser. „Wie lange hast du vor zu bleiben?“, fragte die Stute. „Und überhaupt, was treibt dich hierher?“ Die Stute richtete ihre dichtbewimperten Augen auf die kleine Nikolaus. Da fasste sich die kleine Nikolaus ein Herz und erzählte ihre traurige Geschichte.

Als sie geendet hatte, schlug sie die Augen traurig nieder. „Du arme Laus. Und das nur wegen der Namensgleichheit“, sagte Olivia mitfühlend. Und nun erzählte Olivia der Nikolaus eine Geschichte; nicht die Geschichte vom Pferd, sondern die Geschichte vom Nikolaus. Sie erzählte, dass die großen und kleinen Kinder dem Nikolaus jedes Jahr unzählige Briefe mit großen und kleinen Geschenkewünsche schickten. „Es handelt sich hier ganz offensichtlich um eine Verwechslung. Was steht denn auf deinem Namensschild“, fragte Olivia. „Ja nun, mein Name.“ antwortete die Nikolaus fast patzig. „Also, mein Nachname“, ergänzte sie. „Du könntest den Vornamen dazusetzen. Wenigstens die ersten beiden Buchstaben…Wie heißt du denn?“ „Stephanie“, sagte die Nikolaus. „Das macht die Sache nicht leichter“ murmelte die Stute. Da sprang die Nikolaus wütend auf und ballte die Fäuste. „Ich kann mich doch nicht verleugnen, nur weil alle Welt nur den Nikolaus kennt, aber nicht die Nikolaus.“, rief sie. „Ich bin doch auch wer, oder etwa nicht?“ Olivia nickte zustimmend. „Dann muss eben alle Welt die Nikolaus kennen lernen“, rief sie. „Dagmar“, murmelte sie nachdenklich und die Nikolaus schaute gespannt auf die braune Stute und sagte kein Wort. „Nein, Dagmar geht doch nicht“, murmelte die Stute und kaute an einem Strohhalm. „Ihre Artikel… nein, besser nicht“. Dagmar war die hiesige Zeitungsente, die für alle möglichen Blätter schrieb; der Wahrheitsgehalt ihrer Berichte wurde allerdings stark angezweifelt. „Warum nicht Frau von…?“, murmelte Olivia und ein Leuchten huschte über ihr Gesicht. Die Stute wandte sich der kleinen Nikolaus zu. „Wir bringen dich ins Fernsehen.“, rief sie. So kam es, dass am 6. Dezember eine Sondersendung im Fernsehen ausgestrahlt wurde mit dem Titel: Ich trage einen besonderen Namen. Die Nikolaus saß in einem Fernsehstudio und wartete darauf, dass das rote Aufnahmelicht an der Kamera anging, damit sie wusste, dass sie auf Sendung war. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. „Ganz ruhig, meine Liebe“ , sagte die Interviewerin. „ Wir haben ja alles ausführlich besprochen.“. Die Nikolaus lächelte. Dann sprang das rote Lämpchen an und eine gewisse Frau von Stolle begrüßte ihre Zuschauer und Zuschauerinnen.
„Meine Damen und Herren, liebe Kinder. Heute ist Nikolaustag“ begann sie. „Die meisten von uns freuen sich auf diesen Tag und die schönen Überraschungen, die er mit sich bringt, aber es gibt eine Person, der dieser Tag bisher immer großes Ungemach bereitet hat und böse Überraschungen. Denn es gibt nicht nur den Nikolaus, sondern auch die Nikolaus.“ Die Nikolaus nickte in die Kamera. Sie schaute auf Colette und Olivia, die beiden im Live-Publikum saßen und sie schaute auf die kleine mollige Frau mit dem blondierten Haar und in dem zitronengelben Kostüm, die ihr gegenüber saß und ein bisschen aussah wie eine Torta Limone. Die gute Seele, dachte die Nikolaus und begann zu erzählen. Im Studio wurde es mucksmäuschenstill. Eine halbe Stunde verging und eine weitere Viertelstunde und die Nikolaus erzählte und erzählte und die Zuschauerinnen und Zuschauer lauschten ergriffen. „Liebe Nikolaus“, sagte Frau von Stolle schließlich. „Danke, dass Sie uns von sich erzählt haben. Ich bin mir sicher, Sie haben mit Ihrem Schicksal viele Herzen erreicht. Heute ist Nikolaustag. Was würden Sie sich denn vom Nikolaus wünschen?“ Die Nikolaus senkte den Blick und überlegte. „Ein Heim, in dem ich bleiben kann und eine Aufgabe, die mich erfüllt“, sagte sie und ihre Stimme zitterte ein wenig. Die Schlussmusik ertönte. „Das war unsere Sendung: ich trage einen besonderen Namen“, sagte Frau von Stolle. „Wir danken für Ihr Interesse und wünschen Ihnen einen schönen Nikolaustag und eine besinnliche Adventszeit.“ Die Nikolaus und Frau von Stolle lächelten noch einmal in die Kamera, das Publikum im Studio applaudierte und trampelte mit den Füßen, Tatzen und Hufen, das rote Licht an der Studiokamera erlosch. Das Publikum erhob sich von den Sitzen und verließ den Raum.
„Sie waren Spitze!“, sagte Frau von Stolle zu der Nikolaus. Ein Assistent brachte eine Computerauswertung. „Hohe Einschaltquolten“, las die kleine, pummelige Fernsehfrau, „große Betroffenheit aller Orten, tausende Emails. Ich denke, Sie werden fortan Ruhe haben, meine liebe Nikolaus.“ „Wie kann ich mich erkenntlich zeigen?,“ fragte die Nikolaus bescheiden.„Nun, wenn Sie nicht vorhaben, wieder in die Stadt zu ziehen… Ich suche noch jemanden, der meiner Stute Olivia dauerhaft Gesellschaft leistet und mit meiner Zottelhündin Gassi geht. Wenn das etwas für Sie wäre…“
„Und ob!“, rief die Nikolaus und sprang sofort auf und lief zu dem Wollehund, der die ganze Zeit unter dem Tisch gelegen hatte, und kraulte ihm das Fell. Frau von Stolle lächelte. „Ich glaube, da haben wir jemandem eine Freude gemacht. Nikolaus… “.

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