Der Strandkorb - Ute Elisabeth Mordhorst
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Voll das wilde Leben. Ziemlich verrückte Geschichten.

Der Strandkorb

Der Strandkorb

Der Strandkorb

Der Strandkorb

„Das darf nicht wahr sein“, sagte die Kurzurlauberin. „Ich bin achthundert Kilometer gefahren und Sie wollen mir jetzt einen Korb geben.“
„Eben nicht, leider. Keinen Korb…“, sagte der Strandkorbvermieter und schüttelte bedauernd den Kopf. „Sie sehen ja, was hier los ist. Die Strandkörbe sind heute alle weg gegangen wie warme Semmeln.“
Das ist ja wie verhext, dachte die Kurzurlauberin. Erst der stundenlange Stau auf der Autobahn, dann der Ärger mit dem Hotel und jetzt das. „Meinetwegen, dann muss das Badelaken reichen.“ Die Kurzurlauberin legte dem Strandkorbvermieter die Kurtaxe in die Hand und nahm die Quittung entgegen; sie warf sich ihre Strandtasche über die Schulter und stapfte durch den warmen Sand. Eine alte Frau mit Krückstock hinkte ihr nach und tippte ihr auf die Schulter. „Sie da. Sie können meinen Strandkorb haben“, sagte die Alte. „Ich hatte den Korb für den ganzen Tag gemietet und gehe früher nach Haus.“ „Oh wie freundlich von Ihnen“, sagte die Frau. „Ich zahl auch gern dafür.“
„Ach was!“ Die Greisin winkte ab. Sie kicherte und entblößte dabei eine Lücke in der vordersten Zahnreihe. „Da vorn, direkt am Wasser, Korb Nummer 13. Hier ist der Coupon.“ „Danke!“ Die Kurzurlauberin nahm den Zettel, sie schaute der Alten nach, die in Richtung der Promenade humpelte und stapfte durch den heißen Sand. Dabei hielt sie immer wieder die Hand an die Augen und reckte den Hals nach Nummer 13. „Komisch. Wo ist der Korb bloß? Huch!“, sagte sie und stolperte über einen Picknickkorb, dessen modischer Gag eine große aufgedruckte Ziffer war. Dreizehn… „Tolle Nummer. Das ist ja wohl ein schlechter Scherz!“, schimpfte die Kurzurlauberin und nahm den Korb in die Hand, um ihn zur Seite zu stellen. „Na, na!“, drohte eine Stimme. „Das ist meiner.“ Die Kurzurlauberin ließ den Korb verdutzt in den Sand fallen. Ein circa fünfzigjähriger Mann lugte aus seinem Strandkorb hinter einer Zeitung hervor und schaute die Frau amüsiert an. „Geben Sie es zu. Sie waren im Begriff, mein Mittagessen zu entführen“, sagte der Mann. „Entschuldigen Sie!“, lachte die Frau. „Aber, ob Sie es glauben oder nicht, eine alte Dame hat mir Ihren Korb vermacht.“ „Na, Sie gefallen mir!“, sagte der Mann und legte seine Zeitung zur Seite. Die Frau und der Mann schwiegen und sahen sich ungläubig an. „Jochen?“, fragte die Kurzurlauberin vorsichtig. „Carola?“, antwortete der Mann unsicher. „Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?“ „Vor zwanzig Jahren, damals, als ich dir einen Korb gegeben hatte…“
Das ist ja wie verhext, dachte die Kurzurlauberin. „Gehen wir was essen, im Strandrestaurant? Ich lade dich ein, wenn ich darf“, schlug der Mann nach einem kurzen Moment des Schweigens vor. „Diesmal gibst du mir aber nicht wieder einen Korb!“ Die Frau lachte. „Du hast doch schon zwei!“
Na also, dachte die zahnlose Greisin , die das Paar davon stapfen sah, nahm ihren Besen und flog davon.
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