Der Schneemann und Herr König - Ute Elisabeth Mordhorst
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Der Schneemann und Herr König

Geschichten von Ute Elisabeth Mordhorst

Der Schneemann und Herr König

Der Schneemann und Herr König

Der Winter hatte sich in diesem Jahr spät auf den Weg gemacht, nun zog er mit Riesenschritten über das Land und rollte einen gewaltigen Schneeteppich vor sich her. Bei jedem seiner ausladenden Schritte griff der Winter in seine tiefe Manteltasche und besprengte die Landschaft mit pulvrigem Schnee. Wenn er an den Häusern der Menschen vorbeikam, zog er einen feinen Rosshaarpinsel hinter seinem Ohr hervor und bemalte die Fenster mit Eisblumen. Nach guter alter Himmelssitte wurde der Winter von einem Engelchen auf seiner ersten Erdentour begleitet. „In diesem Jahr handelt es sich aber um ein eigensinniges, wissbegieriges Ding“, dachte der Winter bei sich. Sie waren schon seit Tagen unterwegs, und die kleine Begleiterin hatte noch keinen Moment lang geschwiegen. „Himmel!“, rief das Engelchen immer wieder und schüttelte seinen goldgelockten Kopf, „was ist denn das?“ Der geduldige Winter wurde nicht müde, dem Engelchen seine vielen Fragen zu beantworten. Schließlich kamen sie in die Stadt. „Himmel!“, rief das Engelchen und lugte über die Backsteinmauer des Kirchhofhains, hinter der drei Kinder dicke Schnee kugeln vor sich her rollten und aufeinander setzten.„Die Kinder bauen einen Schneemann“, erklärte der Winter. „Geh ruhig näher heran, aber fass um Himmels willen nichts an, hörst du?!“ „Versprochen. Hoch und heilig!“, rief das Engelchen. Schon hatte es sich wieder fortgerissen.Der Schneemann stand ganz stumm, er hielt die Augen geschlossen, ein friedlicher Ausdruck lag über seinem feinen Gesicht. Schön!, dachte das Engelchen. Dann erschrak es, denn plötzlich umringten die Kinder den Schneemann und trommelten mit ihren Fäusten von allen Seiten auf ihn ein. „Halt, nicht schlagen!“, rief das Engelchen empört. Aber da waren die Kinder schon fort, um einen Hut für den Schneemann zu holen. „Heile, heile Händchen, alles wieder gut“, summte das Engelchen und strich dem Schneemann mitfühlend über den Kopf. Dann zuckte es zusammen. Hatte der Winter ihm nicht verboten …? „Himmel!“, flüsterte das Engelchen und wirbelte davon.

Seit Stunden herrschte gespannte Erwartung unter den Tannen des Kirchhofhains. Was für eine Sorte Schneemann würde der Neue wohl sein? „Hoffentlich nicht
so mundfaul und karottenhochnäsig wie der vom letzten Jahr!“, raunte die alte Fichte ihren Mit-Tannen zu. „Ein paar Worte hätte der eingebildete Schneeklops ruhig mit uns wechseln können, etwas Unterhaltung tut schließlich auch uns gut, wo wir so wenig in der Welt herumkommen.“ Sie hatte ihre tief verwurzelten An- sichten über Schneemänner. „Ja, ja, nicht jeder hat so viel Glück wie die Stubentannen. Die werden mit Goldkugeln und Lametta behängt, und die Menschen singen Loblieder auf sie. In den höchsten Tönen“, stichelte die junge Kiefer. „Willst du etwa mit den Stubentannen tauschen?!“, fragte die vornehme Blautanne hochmütig. Der ganze Tannenhain versank in düsterem Schweigen. „Achtung, ich glaube, er wacht auf!“, rief die junge Kiefer, und die Tannen wandten sich ge- spannt dem Neuankömmling zu.
Der Schneemann öffnete die Augen und schaute sich schlaftrunken um. „Oh!“, sagte er, als er in die forschenden Gesichter der Tannen blickte. „Guten Abend, die Damen!“ Der Schneemann räusperte sich und nickte höflich in die Runde. Die Tannen verstummten. Sie waren recht hölzern, wenn es um neue Bekanntschaften ging. Ein eisiges Schweigen senkte sich über den ganzen Hain. Aber der feinsinnige Schneemann wusste, wie sich ein Kavalier in Gesellschaft von Tannen zu benehmen hatte. Er zog seinen Kochtopf-Hut und machte eine tiefe Verbeugung vor dem Tannen-Hain.
Oooh, raunten die Tannen. Eine engelsgleiche, blonde Lockenpracht ergoss sich über die weißen, rundlichen Schultern des Schneemannes. So etwas hatten die Tannen ihr Lebtag nicht gesehen. Jedenfalls nicht bei einem Schneemann. „Darf ich fragen, was Sie machen? Sind Sie … vielleicht …?“, fragte die hochmütige Blautanne interessiert. Der Schneemann überlegte. „Nein, ich glaube nicht!“, sagte er nachdenklich.
„Ich glaube, nein.“ Er musste erst herausfinden, wer er war. „Oh!“, raunten die Tannen. „Wie geheimnisvoll!“ Am nächsten Morgen wurde der Schneemann unsanft aus dem Schlaf gerissen. Etwas Hartes sauste ihm an die Stirn. Rrroms, eine zweite Kugel traf ihn an der Schulter. „Schau dir den an! Ist er nicht goldig!“, lachte eine Jungenstimme. Woher kam das Lachen? Der Schneemann konnte nichts sehen. Die goldenen Locken hingen vor seinen Augen wie ein dichter Wollvorhang. „Goldlöckchen, Schneeröckchen!“, höhnten die Jungen und feuerten ihre Schneebälle auf den Schneemann ab. Autsch, ein Treffer an die Stirn! Der Schnee- mann hüpfte schwerfällig von einer Seite auf die andere und kam dabei mächtig ins Schwitzen. Dann war wieder Stille. Der Schneemann wischte sich den Schweiß
von der Stirn.
„Schrecklich, diese Lausbuben“, schimpfte die alte Fichte und zitterte am ganzen Stamm. Eine Strähne silbergrauer Nadeln fiel in den Schnee. Immer, wenn die alte Fichte sich ärgerte, bekam sie Nadelausfall. Gegen Mittag kehrten die Jungen an den Kirchhofhain zu- rück. „Aufgepasst, Goldlöckchen!“, riefen sie und feuerten aufs Neue ihre Geschosse auf den Schneemann ab. Wieder hopste der Schneemann hin und her, bis er wieder ganz aus der Puste war. Er hatte am ersten Tag bereits ein ganzes Kilo Schnee abgenommen. „So setzen Sie halt Ihren Kochtopf-Hut wieder auf!“, raunte die junge Kiefer gereizt.
Der Schneemann bückte sich schwerfällig nach seinem Kochtopf-Hut und versuchte, die Lockenpracht darunter zu verstecken. Aber das Engelshaar war nicht zu bändigen. Der Hut rutschte dem Schneemann immer wieder vom Kopf, und die Tannen standen wie angewachsen.
Der arme Schneemann. Er war zur Zielscheibe geworden. Jeden Tag flogen ihm die Schneebälle an die Stirn und um die Locken. Jeden Tag war er dem Hohn und Spott der Lausbuben ausgesetzt. Die alte Fichte stand dem Schneemann am nächsten, und sie litt am meisten mit ihm. Ihre silbergrauen Nadeln bröselten nun unablässig zu Boden. Eines Tages bekam auch sie einen Schneeball an den greisen Kopf geworfen. „Das hat uns der Schneemann eingebrockt!“, flüsterte sie ihren Freundinnen schwer getroffen zu, „seit dieser Stören- fried hier aufgetaucht ist, haben wir nichts als Ärger!“ Die Tannen nickten. Wenn es darauf ankam, standen sie äußerst dicht zusammen. Fortan zeigten sie dem
Schneemann die kalten Schultern. Da wurde der Schneemann sehr traurig. Er begann sich seiner Lo-ckenpracht zu schämen und fasste einen Entschluss.

Der Friseurmeister Jacques König war gerade mit der Abrechnung seiner Tageseinnahmen beschäftigt, als der Schneemann den Salon „Schnittig und Schön“ betrat. Das Weihnachtsglöckchen über der Eingangstür meldete den neuen Kunden mit silberhellem Sopran an. Der Schneemann huschte durch den menschenleeren Raum und glitt in einen der schwarzen Kunststoffsessel. Herr König trat geräuschlos hinter seinen Kunden. „Sie wünschen, der Herr. Oder … die Dame?“, fragte Herr König und schaute den Schneemann erst prüfend, dann gleich- mütig an. Diskretion gehörte zu seinem Beruf.
Der Schneemann wischte sich die Locken aus der Stirn. „Ich hätte gern so eine Frisur wie Sie!“, sagte er und deutete auf Herrn Königs Glatze. Herr König warf einen müden Blick auf die Haare des Schneemannes und wickelte ein paar goldene Locken um seine Finger. Dann stieß er einen kleinen, schrillen Schrei aus.
„Das … das …“, stammelte er, „ist ja echtes Engelshaar!“ Herr König trat einen empörten Schritt zurück und verschränkte die Arme. „Tut mir leid!“, sagte er entschieden. „Von echtem Engelshaar lasse ich die Finger … und die Schere! Das verbietet mir mein Scher… – mein Ehrgefühl!“ „Bitte. Tun Sie mir den Gefallen!“, bat der Schneemann. Herr König schüttelte energisch den Kopf und schaute entschlossen zu Boden. Als er wieder aufsah, blickte er in das enttäuschte Gesicht des Schneemannes. „Selbst wenn ich wollte, es ginge nicht“, seufzte Herr König und zuckte die Achseln. „Echtes Engelshaar ist unabschneidbar. Warum um Himmels willen wollen Sie sich denn überhaupt von dieser Pracht trennen?“ „Die Kinder verhöhnen mich!“, flüsterte der Schneemann und senkte den Blick. Herr König musterte den Schneemann eingehend. Er rieb sich das glattrasierte Kinn und dachte nach.
„Momentchen!“, rief er plötzlich und verschwand in einem Nebenraum. Als Herr König zurück war, trug er eine runde Schachtel in den Händen. „Ta, ta, ta taaa!“, rief Herr König stolz. Seine Augen leuchteten, seine Wangen waren gerötet und er tänzelte aufgeregt durch den Raum. Dann warf er die Schachtel auf die Frisier- konsole und trat gutgelaunt hinter den Schneemann. Herr König fischte einen Kamm aus seiner Kitteltasche und machte sich flink ans Werk. Seine Hände flogen um den Kopf des Schneemanns wie die Hände eines Diri- genten. „Schnittig!“, rief Herr König, als er fertig war. „Und schön! Die perfekte Hochfrisur. Endlich sieht man ihr Gesicht. Und jetzt noch … ta ta ta taaaa! – Ein altes Erbstück. Von meinem Großonkel. Toll! Wie für Sie gemacht“, rief Herr König. Der Schneemann schaute in den Spiegel. „Meinen Sie wirklich?!“, fragte er zaghaft. „Na klar!“, sagte Herr König. Der Schneemann schwieg. Dann lächelte er schüchtern. „Was bin ich Ihnen schuldig?“, fragte er und errötete. Ihm war eingefallen, dass er gerade nicht flüssig war. „Ich bitte Sie, es war mir ein Plaisir!“, rief Herr König; er hatte ganz feuchte Augen und schüttelte dem Schneemann lange die Hände.
Herr König hielt dem Schneemann wortlos die Tür auf;
das Weihnachtsglöckchen verstummte über dem veränderten Aussehen des Schneemannes, fast hätte es vergessen Auf Wiedersehen zu läuten. „Adieu, und ein charmantes Weihnachtsfest!“, hörte der Schneemann Herrn König rufen.
Der Schneemann schritt gedankenverloren durch die schwarzblaue Nacht. Unter seinen Füßen knirschte leise der Schnee. Als er um eine Straßenecke gebogen war, kam ihm der Winter entgegen. „Lieber Herr Schneekönig, guten Abend!“, grüßte der Winter freundlich und zog den Hut vor dem Schneemann. An der Hand des Winters hüpfte das vorwitzige, blondgelockte Engelchen. „Guten Abend, Herr Schneekönig!“, grüßte auch das Engelchen. Der Schneemann blieb verblüfft stehen. Was hatten die beiden zu ihm gesagt? Vor einem Kaufhaus machte er Halt und betrachtete sich im Schaufenster. Sein Gesicht schaute freundlich und offen. Die Königskrone auf seinem Kopf funkelte wie der Sternenhimmel. – Jaa, dachte er still und ließ den Blick über die Straße schweifen. Dort hinten lag der Kirchhofhain. Dort hinten standen die Tannen. Nein, dorthin würde er nicht zurückkehren. Er würde einen besseren und einen schöneren Platz finden.

© aus:Ute Elisabeth Mordhorst.,Vom Schneemann, der nicht tauen wollte, © Verlag Herder GmbH, Freiburg i. Br. 2015

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