Das UKO
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Vom Engel, der seine Flügel suchte. Kurzgeschichten zum Lesen und Vorlesen. Herder 2012.

Das UKO

Das UKO

Das UKO

Das UKO

Das UKO landete mittags gegen halb eins in der Mitarbeiterkantine. Es hatte eine grün-metallene Umhüllung und es jagte mir einen ziemlichen Schrecken ein, denn es bewegte sich geradewegs auf mich zu. Offensichtlich war es notgelandet. Ausgerechnet am Nebentisch, besser gesagt: unter dem Nebentisch. Ich konnte es nicht näher identifizieren, aber soviel sah ich: Etwas stimmte nicht mit ihm. Es schleppte sich über den Boden; genauer betrachtet hinkte es, das Unbekannte Krabbel-Objekt, welches ich die zweifelhafte Ehre hatte, zuerst und allein gesichtet zu haben. Die Damen und Herren an den vorderen oder hinteren Essensplätzen sahen es nicht.

Ich hatte mich etwas abseits gesetzt, in einen stillen Winkel unterhalb eines geöffneten Fensters, ruhebedürftig und lufthungrig wie ich war. Da landete das UKO vor meinen Füßen, und im Gegensatz zu mir hatten nun die anderen die Ruhe weg. Sie nahmen es schlichtweg nicht wahr. Obwohl sie gekonnt hätten, wenn sie gewollt hätten. So weit entfernt von ihnen war das UKO nicht. Zwei Tischlängen nur.

Woher kam das Alien und wohin wollte es? Noch nie hatte ich ein solches UKO in unserer blitzblanken, hygienisch einwandfreien Kantine gesichtet. Was es hier suchte, schien das UKO selbst nicht zu wissen, es krabbelte unentschlossen hin und her. Kaum war es mir gefährlich nahe gekommen, machte es sofort wieder auf dem Absatz kehrt. Nicht auf meinem Absatz, so- weit hätte ich es nicht kommen lassen! Auf dem eigenen Absatz. Hin und her – wie ein Panther im Käfig. „Der Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im kleinsten Kreise dreht …“ Natürlich, völlig fehl am Platze, Rilke und das UKO. Der Vergleich hinkte… wie das UKO … und siehe da, auf einen Schlag hatte ich es identifiziert.

Das UKO erinnerte mich an Herrn Sumsemann, den fußlahmen Maikäfer aus Gerdt von Bassewitz’ „Peterchens Mondfahrt“. Wir Kinder waren allein zu Haus, unsere Eltern waren beide aus und wir hatten die Erlaubnis erhalten, uns die Verfilmung des Märchens im Fernsehen anzuschauen. Herr Sumsemann war mir unheimlich, ich mochte ihn von Anfang an nicht. Er machte mir Angst, worüber sich meine älteren Geschwister amüsierten. Es handle sich doch nur um ein Märchen! Zu solcher Distanzierung war ich im zarten Vorschulalter nicht fähig und ehe ich michs versah, war Herr Sumsemann über den Bildschirm direkt in mein Kinderzimmer geflattert. Dort saß er noch Wochen später. Für meine Geschwister war er auf den Mond geflogen, sein verlorenes Bein zurückzuholen. Für mich nicht.

Damals nicht … doch jetzt schickte auch ich Herrn Sumsemann auf den Mond. Und Tschüss! – Und während Herr Sumsemann auf und davon flatterte und das Unbeholfene-Krabbel-Objekt zurückließ, betrachtete ich es eingehend und mit genügend Abstand. Wie gut, dass ich es nicht hatte auffliegen lassen, das UKO. Hätte ich es an die Tischgemeinschaft verpetzt, wer weiß, ob es von ihr nur höflich an die Luft gesetzt worden wäre – per freundlicher Wasserglas-drüber und Bierdeckel-drunter Methode.

Ich studierte es noch eine Weile. Dann stand ich auf, um mir eine Tasse Kaffee zu holen. Zurück am Platz, war es nicht mehr da.

UKOs gehören richtig angeschaut. Dann verfliegen sie – ganz von allein.

Aus: Ute Elisabeth Mordhorst: Vom Engel, der seine Flügel suchte. Kurzgeschichten zum Lesen und Vorlesen. © Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2012.

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