Dana wünscht sich Stöckelschuhe - Ute Elisabeth Mordhorst
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Dana wünscht sich Stöckelschuhe

Vom Schneemann der nicht tauen wollte

Dana wünscht sich Stöckelschuhe

Dana hatte die schönsten Füße der Welt. Das jedenfalls fand der Waldsee, auf dem Dana sommers wie winters herumpaddelte. Der See musste es wissen, er war in seinem langen Leben mit vielerlei Füßen in Berührung gekommen. Mit sauberen und schmutzigen Füßen, mit müdegelaufenen Greisenfüßen und noch nicht eingelaufenen Babyfüßen, mit großen oder kleinen Füßen. Mit Füßen, die auf rauen oder zarten Sohlen daherkamen. Aber noch nie hatte er so schöne breite und flache Watschelfüße gesehen wie die von der Ente Dana.

Sie passten so wundervoll zu ihrer Gesamterscheinung. Dana trug ein hellbraun gesprenkeltes, schlichtes Federkleid, das immer sauber und adrett war, obwohl sie es nicht täglich wechselte. Wenn Dana aus dem Wasser trat, um vom frisch sprießenden Grün zu naschen, bewegte sie sich auf ihren Watschelfüßen leicht schwankend über die Uferfläche und wiegte sich sanft in den Hüften. „Kwak. Kwak“, sagte Dana, und das klang jedes Mal wie „Tag! Tag!“, fast ein bisschen frech, aber Dana wollte keine langen Reden halten. Sie war direkt. Sie liebte kurze Wege. Kurze Kommunikationswege und kurze Landwege. Sie hatte ja auch kurze Beine. Hin und wieder machte Dana einen Kopfstand unter Wasser und ruderte und paddelte mit ihren Beinen in der Luft. Der Waldsee fand, dass Dana einen ebenso frechen Schnabel hatte wie schöne Watschel- füße, auf die er während ihrer tiefgründigen Kopfstände leider kurzfristig verzichten musste.

Zumeist hielt Dana sich an ihrer Lieblingsbade- und Landungsstelle auf, abseits der anderen Wasservögel. Die Masse lag ihr nicht. Dana war eine Einzelschwimmerin und Einzelgängerin. Ihr engster Freund und Ratgeber war der Wind. Wenn Dana sich über etwas schrecklich aufplusterte, was selten genug vorkam, hörte ihr der Wind aufmerksam und geduldig zu, und mit ein paar klugen Sätzen hatte er ihr hellbraun gesprenkeltes Gefieder in Windeseile wieder geglättet.

Eines Tages stellten zwei Waldarbeiter eine Sitzbank vor Danas Lieblingsbade- und Landungsstelle auf. Die Spaziergänger und Wanderer freuten sich, an diesem schönen Fleckchen Erde bequem Platz nehmen zu dürfen und ein paar Minuten zu verweilen. Sie genossen die gute Luft und den Schatten der Bäume und die herrliche Aussicht auf das klare, smaragdgrüne Wasser. Manche von ihnen machten hier Rast und aßen ihre belegten Brote und süßen Kuchenteilchen. Dana probierte von den Krümelchen, die auf den Boden fielen.Lecker!, dachte sie. Bislang hatte sie pflanzliche Nahrung bevorzugt – hin und wieder ein paar Insekten und Larven – nun erweiterte sie ihren Speiseplan um zuckerhaltige Getreideprodukte, was ihrem Entenmagen gar nicht gut bekam. Dana nahm an Gewicht zu und das Lieblingskleid wurde ihr ein bisschen eng.

Manchmal saßen Liebespaare auf der Bank und hielten Händchen und küssten sich. Von dem Geschmuse fiel aber nichts ab für Dana, und es war ihr auch eher peinlich. „Kwak, Kwak“, sagte sie dann verlegen und glitt diskret in den See.

Mit der Zeit gewöhnte sich Dana an die Spaziergänger und Urlauber. Sie wurde zutraulicher und begann, jeden in ihrer Umgebung zu grüßen. Auch die kleine graue Feldmaus, die von den anderen moistens übersehen wurde. Dana fand, das gehörte sich, und sie wollte auf gutem Fuß mit den Waldbewohnern und Waldbesuchern stehen. Auf schönem Fuß stand sie ja eh, meinte der Waldsee.

Eines Nachmittags im Sommer setzte sich eine Frau mit ihrer Tochter auf die Besucherbank. Die Frau zündete sich eine Zigarette an und das Mädchen knabberte an seinen Fingernägeln. Dana watschelte auf die beiden zu, um sie zu begrüßen. „Kwak“, sagte Dana. „Guck mal, Mäuschen“, lachte die Frau. „Die Ente. Wie die watschelt. Sieht das nicht urkomisch aus?“Die Frau lachte ein ungutes Lachen, und Dana blieb das „Kwak.“ im Halse stecken. „Putt, putt, putt“,machte die Frau. „Patsch, patsch, patsch.“ Dana stand da wie angewurzelt und starrte die Frau an. „Komm, Mäuschen, die ist dumm!“, sagte die Frau und zog ihre Tochter von der Bank. Dana beschaute die Frau vorsichtig von oben bis unten. Die Frau trug ein schickes rot-weißes Kostüm, sie hatte sehr lange Beine und ihre sehr schmalen Füße steckten in sehr hohen weißen Stöckelschuhen. Sie schritt sehr langsam und elegant und mit erhobenem Kopf am Ufer entlang. „Kwak. Kwak“, sagte Dana betont hochmütig, was so viel wie „Guten Tag auch!“ heißen sollte. Dann rutschte sie ins Wasser und schwamm ganz weit hinaus. Sie brauchte jetzt dringend Abstand vom Ufer und seinen Besuchern.

Von diesem Moment an sehnte sich Dana danach, hohe Stöckelschuhe zu tragen wie die weiß-rot kostümierte Frau, in denen sie herumstolzieren konnte wie eine Primavera oder so. Jede Nacht träumte Dana davon. Sie blieb nun am liebsten im Wasser. An Land ging sie so gut wie gar nicht mehr. Sie mied ihren Lieblingsbade- und Landungsplatz. Was, wenn die schicke Frau mit dem unguten Lachen wieder auftauchen würde? Wenigstens aß Dana die ungesunden Brot- und Kuchen- krumen nicht mehr. Den anderen Wasservögeln schwamm sie aus dem Weg. Selbst ihrem Freund, dem Wind, wich sie aus, sie hielt sich am liebsten in windstillen Gegenden auf. Der Waldsee wurde still und traurig und sein bisher klares Wasser nahm eine schwache Trübung an.

Es war an einem Herbstnachmittag, Dana schaukelte wieder einmal allein in einer verlassenen Bucht auf dem Waldsee, als der Wind sie sah und sich ihr behutsam näherte. Der Wind sprach Dana leise an. Vielleicht konnte er ihr gut zureden, bisher hatte sie doch immer auf ihn gehört. Dana behandelte den Wind, als wäre er Luft.

„Kwak“, sagte sie betont hochmütig und drehte sich weg. Dem Wind verschlug es den Atem und dann reichte es ihm. Er musste seinem lang aufgestauten Ärger Luft machen und raste zum Waldsee. „Wir müssen unsere Freundin aus ihrer Verblendung aufrütteln“, tobte der Wind. „Sie haben ja recht, mein lieber Windfried“, entgegnete der Waldsee. „Aber ob wir etwas ausrichten können? Sie ist so trotzig in ihrem verletzten Stolz.“ Der Wind gab keine Ruhe. Je länger er auf den Waldsee einstürmte, desto aufgewühlter war nun auch der See. Die beiden schaukelten sich förmlich aneinander hoch.

„Kwak“, sagte Dana, was soviel hieß wie „Huch!“ Der See begann zu rollen, hohe Wellenberge türmten sich auf. So einen starken Seegang hatte sie bislang nicht erlebt. Nichts wie zurück an Land, dachte sie. Aber das Ufer war weit. Die Spaziergänger und Wanderer sahen zu, dass sie schnell irgendwo Unterschlupf fanden. Die Skipper holten die Segel ein. Dana war ganz allein auf dem Wasser und sie hielt sich gut auf dem schäumendem Waldsee, sie war eine sichere und exzellente Schwimmerin, das hätte sie gar nicht von sich gedacht. Dank der Schwimmhäute ihrer Paddelfüße kam sie schnell voran. Huiii!, eine Windböe und eine Rückenwelle und noch eine und huiii und schwupps! war Dana ans Ufer gespült. „Kwak“, sagte Dana, was soviel hieß wie „na also!“ Sie befand sich genau an ihrer Lieblingsbade- und Landungsstelle.

„Komm rasch, Mäuschen. Schnell ins Auto!“, hörte sie eine Stimme, die ihr bekannt vorkam: Die rot-weiße Frau war wieder da. Allerdings trug sie jetzt einen schwarz-weiß karierten Mantel. Die Frau hatte bis eben mit ihrer Tochter auf der Bank gesessen, dann war dieser schreckliche Wind aufgekommen. Aus heiterem Himmel. Nun stolperte sie – ihre Tochter wenige Schritte hinter sich – am Ufer entlang Richtung Parkplatz. Dana schaute verdutzt. Wie unsicher die Frau auf den hohen Schuhen war, beim Laufen schienen die Highheels hinderlich zu sein. Oh, jetzt knickte sie sogar um. Huch, und jetzt schleuderte sie im Laufen einen Schuh von sich und da, eine Welle, und der Schuh wurde vom Waldsee geschluckt. „Mist!“, rief die Frau und zog den anderen Schuh vom Fuß. Sie lief nun barfuß. Dana schaute langsam an der Frau herunter. Die Arme hatte ja ganz verformte Füße, wahrscheinlich die Folge zu engen Schuhwerks.

Dana watschelte am Ufer entlang und ging ein paar Schritte auf und ab. Dann flatterte sie auf die Bank. Dort saß sie eine Weile und baumelte mit den Beinen und beschaute sich zum ersten Mal und sehr eingehend ihre Watschelfüße. Erst den rechten, dann den linken. Dann umgekehrt. „Kwak“, sagte Dana. Plötzlich hauchte ihr jemand ins Gefieder. „Darf ich?“, fragte der Wind. Dana rutschte etwas zur Seite. Der Wind summte ein Lied. „Tut mir leid, manchmal bin ich etwas aufbrausend“, sagte er. „Kwak“, sagte Dana, was soviel hieß wie „na gut“. Wie ruhig der See liegt, dachte der Wind. Gott sei Dank, auch sein Ärger hatte sich wieder gelegt. „Bald kommt der Frühling“, sagte der Wind.

Der Frühling kam. Und mit dem Frühling kam noch jemand. Dahergelaufen auf den zweitschönsten Watschelfüßen der Welt, wie der Waldsee fand. Aber das ist eine neue Geschichte von Dana. Und eine Liebesgeschichte dazu.

Aus: Ute Elisabeth Mordhorst: Vom Engel, der seine Flügel suchte. Kurzgeschichten zum Lesen und Vorlesen. © Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2012.

 

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