Auf der Mauer, auf der Lauer - Ute Elisabeth Mordhorst
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Auf der Mauer, auf der Lauer

Auf der Mauer, auf der Lauer

Auf der Mauer, auf der Lauer

Auf der Mauer, auf der Lauer

Jürgen hat sich einfach hingestellt und „Auf der Mauer, auf der Lauer“ gesungen. Als wäre das nichts, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, „Auf der Mauer, auf der Lauer“ vor einem größeren Kreis (von WissenschaftlerInnen) darzubieten. Jürgen ist weder ein Knirps, der seiner akademischen Großfamilie ein Ständchen bringt. Noch ist Jürgen ein Professor Unrat, der sich auf regressive Weise auf einer After-Work-Party produziert. Bei der Darbietung handelte es sich nicht um die Hochschulvariante von „Deutschland sucht den Superstar“. Jürgen war auf einem Seminar.

Ein richtiger Professor soll Jürgen erst noch werden. Ob er will oder nicht. Aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls war Jürgen auf diesem Rhetorikseminar, um seine Präsentationstechniken zu verbessern. Das Ganze fand in den bayerischen Hausbergen statt, und ehe Jürgen sichs versah, fand er sich im tiefen Tal der Peinlichkeiten wieder. So nannte sich die Übung des zweiten Tages.

Am Morgen kündigte die Seminarleiterin an, ohne sich lang mit Präliminarien aufzuhalten, die TeilnehmerInnen sollten nun ein selbstgewähltes Lied zum Besten geben. Solo und a cappella. Wohlgemerkt: zum Besten. Keiner sollte sich zum Affen machen. Umgekehrt ginge es nicht um übertriebenen Ehrgeiz oder sängerische Top-Qualitäten. Um natürliche Würde ging es und darum, eine peinliche Situation zu meistern. Wem ist es nicht peinlich, sich völlig unerwartet einem Song-Contest stellen zu müssen? Peinliche Situationen kommen meistens unerwartet. Allerdings wurde diese am Ende auch noch benotet.

All das hat mir Jürgen am Telefon auf seine humorvolle, gelassene und in sich ruhende Art erzählt. Inzwischen weiß ich, dass Jürgen nicht immer die Ruhe in Person ist, sondern hin und wieder größere innere Kämpfe zu bestehen hat, aber auch das verbindet uns. Über Telefon oder E-Mail.

„Auf der Mauer, auf der Lauer“ – was hätte ich glaubwürdig rübersingen können?, fragte ich mich nach dem Telefonat mit Jürgen und ging im Geiste meine Lieblingstitel durch. Mir fiel ad hoc kein geeigneter ein. Genau so wäre es mir auf dem Seminar gegangen. Bevor ich einen Titel auf meiner persönlichen Playlist gefunden hätte, wäre ich von der Seminarleiterin aufgerufen worden: Ich sehe mich, wie ich dastehe mit klopfendem Herzen, und während ich noch zögere,„Nessun dorma“ zu singen, ist die Zeit plötzlich um. Schreckliche „Vorstellung“.

Jürgen hat den Wettbewerb gewonnen. Er habe das Lied ganz einfach, selbstverständlich und natürlich gesungen und damit offensichtlich bei der Jury gepunktet. Was konnte mir schlimmstenfalls passieren, fragte mich Jürgen. Die meisten Teilnehmer hatten viel Sympathie für mich – sie konnten sich ja sehr gut in meine Lage hineinversetzen. Schön, wenn es auch im richtigen Leben so ist. Von Häme keine Spur. Auf der Lauer, auf der Mauer.

Ich glaub, den Titel merk ich mir.

©Aus: Ute Elisabeth Mordhorst: Vom Engel, der seine Flügel suchte. Kurzgeschichten zum Lesen und Vorlesen. © Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2012.strong>

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